Rede von Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB

Rede von Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB,

Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,

anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises

am 2. Oktober 2019 in Rostock

Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Rostock am 02.10.2019.
Foto: Thomas Häntzschel / nordlicht

Sehr geehrte Frau Bürgerschaftspräsidentin Lück,
sehr geehrte Frau Jürgs,
sehr geehrter Herr Riethmüller,
sehr geehrte Frau Kegel,
lieber Herr Böhmmeine,
sehr verehrten Damen und Herren,

vor allem aber: verehrte Buchhändlerinnen und Buchhändler!

 

Sie sind es, für die wir heute den roten Teppich ausgerollt haben; sie sind es, die heute im Rampenlicht stehen. Doch mit Blick auf den morgigen Tag der Deutschen Einheit und so nahe an der Rostocker Marienkirche, im Herbst 1989 Treffpunkt für Oppositionelle, will ich zunächst einen ganz speziellen Buchliebhaber gewissermaßen mit auf die Bühne holen: einen Buchliebhaber, dessen Leseleidenschaft möglicherweise half, der Friedlichen Revolution den Boden zu bereiten – den heimlichen Leser, die heimliche Leserin nämlich: Menschen, die sich lesend der Unterdrückung des freien Meinungsaustauschs widersetzten.

 

In der DDR hat es offenbar zahlreiche solche heimlichen Leserinnen und Leser gegeben. Der lange in Ost-Berlin beheimatete Schriftsteller Jurek Becker schrieb einmal über sie, ich zitiere:

„In einer Umgebung, in der es keine auch nur annähernd freien Medien gab, (…) in der jede von der Parteilinie abweichende Ansicht kleinlich behindert wurde, in einer solchen Umgebung blieben Bücher der letzte öffentliche Ort, an dem noch Meinungsverschiedenheit ausgetragen wurden. Das machte die Leute begierig auf Bücher, genauer – auf die Bücher der Abweichler.“

In einer Demokratie ist das aktuelle Buchsortiment zum Glück nicht der einzige oder gar „der letzte öffentliche Ort“ gesellschaftlicher Debatten- und Streitkultur. Und doch bleibt das Buch ein unverzichtbares Medium kontroverser Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Ob Sachbuch, ob Belletristik, ob Poesie: Bücher laden dazu ein, Dinge anders zu sehen. Wer liest, öffnet die eigene Welt-Anschauung für Abweichendes: für fremde Empfindungen, andere Erfahrungen, neue Erkenntnisse.

 

Sie, verehrte Buchhändlerinnen und Buchhändler, spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle: Während die Algorithmen der Online-Händler Abweichendes eher ausblenden und Ähnliches empfehlen (ich sage nur: „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“), lotsen Sie Leserinnen und Leser über das von Bestseller-Listen abgesteckte Leseterrain hinaus auf geistiges Neuland – sei es im persönlichen Beratungsgespräch, sei es durch Veranstaltungen, etwa durch Lesungen auch unbekannter Autorinnen und Autoren, sei es durch die liebevoll kuratierten Präsentationsflächen in Ihren Läden. Dort türmen sich eben nicht nur und nicht in erster Linie die Bestseller;

dort findet sich auch so manches publizistische Kleinod, das in der Flut der zuletzt rund 71.000 Neuerscheinungen pro Jahr unterginge, wenn Sie, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler, dem Diktat der Verkaufszahlen, der finanziellen Erträge nicht Ihr Gespür für Lesenswertes, für geistige Erträge entgegensetzten. Auf diese Weise tragen Sie dazu bei, dass literarische und publizistische Vielfalt und mit ihr Meinungsvielfalt und Demokratie gedeihen können – in geistigen Schatzkammern, die für die kulturelle Grundversorgung auch außerhalb der Großstädte von immenser Bedeutung sind.

Weil es angesichts veränderter Lese- und Konsumgewohnheiten im digitalen Zeitalter weder einfach noch selbstverständlich ist, solche Orte am Leben zu erhalten, weil das Mut, Kreativität und hohes persönliches Engagement erfordert, habe ich – mittlerweile zum fünften Mal – den Deutschen Buchhandlungspreis ausgelobt. Denn so wie Sie, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler, will auch ich nicht tatenlos zusehen, wie mit den inhabergeführten Buchhandlungen Keimzellen der Debattenkultur aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Konstruktiver Streit und demokratische Verständigung brauchen Weitblick und Wissen, das sich in einem Buch anders entfalten kann als in einem Tweet, einem Post oder auch einem Zeitungsartikel. Demokratie braucht Querdenker und Freigeister, deren Werke wir in Ihren Regalen finden – und in den Programmen unabhängiger Verlage. Deshalb habe ich, das nur nebenbei, nach dem Vorbild des sehr erfolgreichen Deutschen Buchhandlungspreises auch einen Deutschen Verlagspreise ausgelobt, der den Mut zum verlegerischen Risiko würdigt und den ich in zwei Wochen erstmals verleihen werde.

Sie, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler, will ich mit allem, was in meiner Möglichkeit steht, weiterhin dabei unterstützen, in der Konkurrenz mit Online-Anbietern Ihre Stärken auszuspielen und sich mit innovativen Geschäfts-modellen gegen den scharfen Wind des Wettbewerbs zu wappnen. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Gütesiegel und Preise im Wert von insgesamt 850.000 Euro, mit denen wir in diesem Jahr insgesamt 118 Buchhandlungen auszeichnen, sich für Sie auch in der wichtigsten Währung des digitalen Zeitalters auszahlen: in öffentlicher Aufmerksamkeit, die vielleicht auch ins Internet abgewanderten Leserinnen und Leser wieder neugierig auf analoge Buch-Begegnungen macht.

 

Als Ausdruck der Wertschätzung dürfen Sie jedenfalls die Arbeit der Jury verstehen: Jede einzelne Bewerbung sorgfältig zu prüfen, erfordert neben Zeit und Mühe auch Expertise und Enthusiasmus. Herzlichen Dank, liebe Frau Kegel, herzlichen Dank allen Jury-Mitgliedern für die engagierte Arbeit! Besonders freut mich, dass mehr als die Hälfte der 118 Buchhandlungen, die wir heute auszeichnen, den Preis zum ersten Mal bekommt: Das zeigt: Die Lesekultur lebt, meine Damen und Herren.

 

Bücher schmuggeln und sie heimlich lesen wie einst in der DDR – das muss im wiedervereinten Deutschland jedenfalls zum Glück niemand mehr. Mit dem 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls feiern wir in wenigen Wochen einen der glücklichsten Momente deutscher und auch europäischer Geschichte: den Triumph der Demokratie über die Diktatur, den Triumph der Freiheit über Unfreiheit und Unterdrückung – den Triumph jener Werte, für die vor 30 Jahren Hundertausende in Berlin, Leipzig und anderen Städten der DDR – auch hier in Rostock – mutig ihre Stimme erhoben.

Und doch haben mehr als 80 Prozent der Menschen in Deutschland laut aktuellem Deutschlandtrend Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft.

Und doch entstehen im Ab- und Ausgrenzen des Eigenen gegen das (noch oder vermeintlich) Fremde neue Mauern – sichtbar im Erstarken von Extremismus, Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus; in der Abwertung anderer Sicht- und Lebensweisen; in der schwindenden Bereitschaft, den Anderen in seinem Anderssein zu ertragen – und sei es schlicht als Gegenüber in einer sachlichen Auseinandersetzung.

 

In einer solchen Umgebung kann man die Vielfalt in Ihren Buchhandlungen, meine Damen und Herren, auch als Plädoyer für Gedankenfreiheit und Gesprächsoffenheit, für Streitkultur und Verständigungsbereitschaft lesen.

Bleiben Sie in diesem Sinne Verteidigerinnen und Verteidiger unserer Demokratie!

Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Deutschen Buchhandlungspreis.