Rede: Dr. Michael Knoche

Verleihung des Buchhandlungspreises in Heidelberg 2016. © Bundesregierung / Baumann

Dr. Michael Knoche, Verleihung des Buchhandlungspreises in Heidelberg 2016. © Bundesregierung / Baumann

Rede: Dr. Michael Knoche

Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek / Klassik Stiftung Weimar

Lassen Sie mich mit einem Erlebnis aus meiner Jugend beginnen.

Als ich mein Studium in Tübingen beendet und das letzte Examen bestanden hatte, verspürte ich recht plötzlich die Notwendigkeit, ins Berufsleben einzutreten. Ich setzte mich an die Schreibmaschine und schrieb einen Brief ans »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel«. Den Kohlepapierdurchschlag habe ich neulich wiedergefunden. Der Text lautet:

»Sehr geehrte Herren, ich möchte gern im nächsten Börsenblatt eine Anzeige aufgeben. Da mir die Sache sehr dringend ist, lege ich einen Blankoscheck zur Begleichung der Rechnung bei. Vielleicht können Sie dafür Sorge tragen, daß die Sache möglichst schnell über die Bühne geht. Vielen Dank. Der Anzeigentext soll lauten: Universitätsabsolvent sucht Stelle in gei­st­eswiss. Abteilung einer Buchhandlung. Angebote an …«

Die winzige Annonce, die am 4. August 1978 erschien, hatte Erfolg. Es meldete sich ausgerechnet die Buchhandlung, die ich vor lauter Hochachtung gar nicht direkt anzufragen gewagt hatte und die immer schon meine Lieblingsbuchhandlung war: Gastl in Tübingen. Das Gute lag so nah.

Fräulein Julie Gastl (sie bestand auf der Anrede) empfing mich in ihrer Buchhandlung in der Neuen Straße, in der »Theologie« im 1. Stock. Dahin gelangte man über eine steile Wendeltreppe. Im Zimmer standen inmitten der deckenhohen Regale ein kleiner Tisch, mit theologischen und philosophischen Neuerscheinungen heillos überfüllt, und drei abgeschabte Ledersessel, in die man tief versinken konnte. Als Kunde hatte ich hier oft gesessen und in den Büchern von Eberhard Jüngel, Ernst Bloch, Walter Jens oder Walter Schulz geblättert. Es war ein sommerlicher Vormittag mit normalem Publikumsbetrieb. Das Bewerbungsgespräch musste mit gedämpfter Stimme geführt werden. Ich hatte meine Pfeife mitgebracht, sie umständlich gestopft und angebrannt. Das Hantieren befreite mich davon, selber viel reden zu müssen, was mir Fräulein Gastl hoch anrechnete.

Sie zündete sich eine Zigarette an, tat einen tiefen Zug und führte aus, dass eine Buchhandlung wie die ihre neben buchhändlerischen Mitarbeitern auch solche mit fundiertem Spezialwissen brauche, unterrichtete Personen, die mit Büchern zu leben gewohnt seien und die die Liebe zu Büchern an andere weitergäben. Dann kam noch ein tiefer Zug aus der Zigarette und der Satz, den ich nicht vergessen werde: »Dessen ungeachtet erwarten Frau Dr. Schaal und ich von Ihnen – für den Fall, dass wir Sie einstellen – dass Sie für einen Jahresumsatz von 200.000 DM stehen. « Potzblitz! Das war in meinen Augen eine gewaltige Summe, und ich konnte meinen Schreck gar nicht verhehlen. Ich hielt es für absolut unmöglich, so viele Bücher verkaufen zu können. Überhaupt ernüchterte mich diese geschäftliche Betrachtungsweise außerordentlich. Ich – damals sehr langhaarig – hatte geglaubt, mich für eine kapitalismusferne Branche interessiert zu haben. Ich hatte dabei übersehen, dass das Kulturgut Buch auch verkauft werden musste und Zahlen wichtig waren.

So war es letztlich ein Glück für den deutschen Buchhandel, dass ich mit meinen blauäugigen Vorstellungen die Krise desselben nicht noch verschärft, sondern rechtzeitig die Abzweigung ins wissenschaftliche Bibliothekswesen genommen habe.

Ich habe die Episode, erstens, erzählt, um meiner Freude darüber Ausdruck zu geben, dass zu den heute ausgezeichneten Buchhandlungen auch Gastl in Tübingen gehört. Zweitens, um zu erläutern, wie eng Bibliothekswesen und Buchhandel für mich beieinander liegen. Der dritte Grund wird später erkennbar.

Es gab ein goldenes Zeitalter, in dem sich Bibliothekswesen und Buchhandel ihrer eigenen Rollen gewiss waren und sich perfekt ergänzten. Die einen kauften Bücher, die anderen lieferten Bücher. Hier wie dort standen Regale bis unter die Decken. Dann kam die digitale Revolution, und seither geht die Entwicklung rasant auseinander. Universitätsbibliotheken setzen heute ihren Ehrgeiz darein, Publikationen nur noch elektronisch anzubieten. Sie kaufen vornehmlich über Konsortien direkt bei den großen Verlagen. Mit buchorientierten kleineren Buchhandlungen bestehen keine geschäftlichen Berührungspunkte mehr. Wohl aber bestehen, das ist meine Überzeugung, nach wie vor gemeinsame Herausforderungen.

Beide Branchen müssen heute wie damals darauf achten, der Vielfalt des Verlagsangebotes gerecht zu werden. Es ist Aufgabe der Bibliotheken, die Veröffentlichungen auch der zahllosen kleinen, regionalen Produzenten zu erwerben, zu erschließen, zu vermitteln und dauerhaft aufzubewahren, d. h. eine Sammlung aufzubauen. Das gelingt den großen Akteuren mit ihrem Verdruss gegenüber allem Gedruckten, ihrer Büchermüdigkeit und Technikfixiertheit viel weniger gut als den spezialisierten und lokalen Bibliotheken, die zwar nur ein begrenztes Sammelgebiet haben, aber viel näher an ihren Themen und Benutzern sind.

So scheint es mir auch im Buchhandel zu sein: Nicht die Online-Giganten garantieren die Vielfalt (ihre eigene breite Angebotspalette dient ihnen nur zur Monopolbildung), sondern das tun die vielen kleinen Buchhandlungen mit ihrem besonderen Profil. 6000 Buchhandlungen gibt es in Deutschland und sogar noch mehr Bibliotheken, die meisten sind Öffentliche Bibliotheken der Städte und Kommunen. Welch eine Chance, ein differenziertes Medienangebot für die jeweilige Klientel anzubieten!

Sortimentsbuchhandlungen wie realexistierende Bibliotheken haben gegenüber den virtuellen Betrieben den weiteren Vorzug, dass sie soziale Orte sind. Sie können sich als Oasen der Nicht-Belästigung, der Konzentration, des heiteren Ernstes etablieren oder aber als Orte des Miteinander-Redens unverzichtbar zu machen. Sie sind also Orte des Verweilens oder, je nach Ausrichtung, Orte der Kommunikation.

Buchhandlungen und Bibliotheken gehören zu den Stabilisatoren der Gesellschaft und dienen ihrem Zusammenhalt. Sie nehmen die kulturellen Bedürfnisse der Menschen ernst und beuten sie nicht aus. Sie werden immer wichtiger bei der ständigen Ausweitung der unpersönlichen Interaktionszonen im World Wide Web. Aber diese Orte sind bedroht.

Wir müssen solche Bindungskräfte gezielt stärken. Wenn wir jeden Lebensbereich ausschließlich der Logik der ökonomischen Vernunft unterwerfen – und an dieser Stelle sind mir meine Tübinger Ideale gar nicht so fern – reduzieren wir uns auf die Konsumentenrolle und zerstören alles Lebenswerte.

Die stationären Buchhandlungen verdienen jeden Preis der Kulturstaatsministerin, aber eigentlich müssten sie genauso wie die Bibliotheken und andere Bindungskräfte noch viel stärker strukturell gefördert werden – nicht nur von Frau Grütters, sondern von allen Ministerien des Bundes und der Länder, von allen Regierungen in Deutschland. Die Buchpreisbindung allein genügt nicht. Noch gibt es solche Orte, noch gibt es Handlungsoptionen. Wir müssen um deren Erhalt kämpfen.

Ich komme schon zum Schluss, indem ich Ihnen ein Gedicht vortrage, frei nach Hans Magnus Enzensberger. Ich hoffe, den Meister verdrießt es nicht, wenn er von der Adaption hört. Es heißt bei mir:
Die Buchhandlung.

Was Sie vor Augen haben,

meine Damen und Herren,

dieses Sortiment an Waren,

das ist eine Buchhandlung.

Entschuldigen Sie.

Entschuldigen Sie.

Schwer zu verstehen,

ich weiß, ich weiß.

Eine Zumutung.

Sie hätten es lieber digital

auf jeden Fall und mit

Kunden die diesen Artikel gekauft haben

kauften auch.

Aber wem es wirklich ernst ist

mit virtual reality,

sagen wir mal:

Füllest wieder Busch und Tal,

oder: Einsamer nie

als im August, oder auch:

Die Nacht schwingt ihre Fahn

der kommt mit wenig aus.
Diese büchervollen Regale,

ganz ohne Scrollen

und Klicken Sie hier

als Software die Buchhändlerin –

das ist alles.

Entschuldigen Sie.

Entschuldigen Sie bitte.

Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.

Aber Sie wissen ja, wie das ist:

Manche verlernen es nie.