Laudatio Kategorie besonders herausragende Buchhandlungen: Jenny Erpenbeck

Verleihung des Buchhandlungspreises in Heidelberg 2016. © Bundesregierung / Baumann

Jenny Erpenbeck auf der Verleihung des Buchhandlungspreises in Heidelberg 2016. © Bundesregierung / Baumann

Laudatio Kategorie besonders herausragende Buchhandlungen: Jenny Erpenbeck

Schriftstellerin

Irgendwie glauben wir alle, die wir hier sitzen, dass ein Mensch, der liest, ein besserer Mensch ist. Das stimmt wahrscheinlich nicht. Aber zumindest eines stimmt: Ein Mensch, der liest, lässt sich auf die Welten anderer ein, er setzt voraus, das es in diesen fremden Welten etwas gibt, das ihn angeht, das seins ist, obwohl er es noch gar nicht kennt, er leiht der Vorstellungskraft eines anderen, der ihm vielleicht nie im Leben begegnet, seinen eigenen Kopf, sein Innerstes. Lesen gehört so zu den intimsten Formen der Kommunikation zwischen Menschen. Wie die Liebe kennt das Lesen keine Grenzen, es reicht über Konventionen hinaus, annuliert räumliche Entfernung, menschengemachte Grenzen sowieso, kennt auch nicht die Trennung durch Zeit, verbindet über den Tod hinaus den einen Menschen mit dem anderen und erzeugt so eine Art Ewigkeit, in der wir Leser und Autoren alle gemeinsam zu Hause sind. Die Gegenwart zwar muss uns den Raum zum Lesen geben, Lesen braucht schließlich Frieden und Einsamkeit (manchmal Zweisamkeit, wenn man sich vorliest) – sie schenkt uns den lebendigen Urgrund des Lesens, für den wir Seite um Seite, die wir in Ruhe umblättern dürfen, dankbar sind. Zum Lohn dafür aber wird diese Gegenwart für die Länge eines Buchs ausgelöscht. Oder wohl doch nicht ausgelöscht, sondern vielmehr erweitert um Vergangenheiten, Zukünfte oder andere Gegenwarten. Wie bei aller Bescheidenheit kommt der Zuwachs auch hier wahrscheinlich gerade aus dem Zurücktreten … Auf jeden Fall, da sind wir uns wohl einig, ist Lesen eine ganz besondere Mischung aus Weltflucht und Weltinteresse – und diese Mischung begegnet uns im Geschäft des Bücherverkaufens wieder.

Wir alle wissen, dass jemand, der eine Buchhandlung aufmacht, nicht ganz bei Trost sein kann, geschäftlich gesehen. Es gibt Dinge, die sich leichter verkaufen lassen und mit denen deutlich mehr Gewinn zu machen ist. Der Anreiz des Gewinnmachens, der unsere Gesellschaft strukturell zusammenhält, ist nicht das, worum es beim Bücherverkaufen geht, zumindest nicht die Hauptsache. In diesem Sinne handelt es sich um ein bewusstes Pfeifen auf die Welt, die unsere heißt, hier, im Westen Europas. Gleichzeitig hat das Geschäft des Bücherverkaufens mehr als die meisten anderen Geschäfte damit zu tun, die eigene Begeisterung zu teilen, in den Raum, der sich einem selbst aufgetan hat, auch andere eintreten zu lassen. Bücherverkaufen ist so nicht nur eine per se gastfreundliche Profession, sondern auch ein Berufszweig, der vom gemeinsamen Interesse an der Welt lebt.

Wir zeichnen heute fünf Buchhandlungen aus, die sich in besonderer Weise um diese Art der Gastfreundlichkeit, um diese besondere Art des Interesses an der Welt verdient gemacht haben.

Makulatur ist eine Lübecker Buchhandlung, die sich dem Schönen verschrieben hat. Kinderstube und erstes Erprobungsfeld der beiden Inhaberinnen war der Bücherbogen am Berliner Savignyplatz, sicher ein Ausgangspunkt auf höchstem Niveau. In der Lübecker Makulatur aber gibt es neben Kunst- und Bildbänden auch sorgfältig ausgewählte belletristische und philosophische Literatur, und darüber hinaus, trotz der bei 55 m² durchaus beschränkten Räumlichkeit, sogar regelmäßig Musik- und Wortkunst-Veranstaltungen – aufgezeichnet und anzusehen in einem eigens gegründeten Internet-Kanal mit dem originellen Namen »Wolkenkuckucksheim«. Makulatur erreicht so branchenübergeifend ein junges, aufgeschlossenes Publikum und wirkt in einer Welt, die in vielerlei Hinsicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf Verflachung der Urteilskraft, auf den sogenannten mainstream abzielt, als Leuchtturm für Nebenwege. Die Jury war sich darin einig, diesen Schleswig-Holsteiner Leuchtturm, der, wie es Leuchttürme so an sich haben, einsam dasteht, auszuzeichnen und mit einer ordentlichen finanziellen Beihilfe zu unterstützen.

Auf ganz andere Weise, aber nicht minder beeindruckt waren wir von der Butzbacher Buchhandlung Bindernagel. Wo liegt Butzbach, werden Sie sich fragen – und so ging es uns auch. Da nimmt sich so ein Jurymitglied eine Karte zur Hand und kann kaum glauben, dass in einem hessischen Örtchen mit gerade mal 25.000 Einwohnern eine Buchhandlung existiert, die in einem Jahr 35 Veranstaltungen für Kinder und 15 Lesungen für Erwachsene auf die Beine stellt, man muss sich klarmachen, das sind pro Monat, die ruhigeren Ferienmonate und auswärtigen Veranstaltungen abgerechnet, mindestens 4 oder 5 in den eigenen Räumen – daneben gibt es Kinderleseclubs für verschiedene Altersstufen und Projekte zur Flüchtlingshilfe und zur Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe. Dieses Programm ist mit Herzblut gemacht – anders würde man all das gar nicht schaffen. Erklärlich wird es vielleicht nur durch die Tatsache, dass die Buchhandlung Bindernagel in Butzbach ein – allerdings eigenständiger! –Ableger der benachbarten Friedberger Buchhandlung ist, die seit 6 Generationen als Familienbetrieb geführt wird. Nachdem wir diese nicht endenwollende Mappe studiert haben, können wir uns kaum vorstellen, dass es in und um Butzbach irgend jemanden, groß oder klein, geben mag, der nicht pro Woche mindestens 1 Buch liest, und da das Lesen die eigentliche Schule der Schriftsteller ist, werden wir uns nicht wundern, wenn der nächste deutsche Nobelpreisträger sagt, er sei in Butzbach geboren. Herzlichen Dank an diese besonders herausragende Buchhandlung.

Während die Butzbacher Buchhandlung nur in der etwas weiteren Nähe der Buchstadt Frankfurt liegt, weit genug jedenfalls, um sich explizit nicht um die Belange dieser Großstadt, sondern um die der Region Wetterau verdient zu machen, ist die Stadt Leipzig, in der die dritte der heute als »besonders herausragend« ausgezeichneten Buchhandlungen liegt, ist also Leipzig eine Stadt, in der das Büchermachen, das Buch-Gestalten und das Handeln mit Büchern seit vierhundert Jahren eine Selbstverständlichkeit ist. Peter Hinkes unmittelbar nach dem Mauerfall gegründete Connewitzer Verlagsbuchhandlung ist eine Institution in Leipzig, und zwar, wie der Name schon sagt, nicht allein durch das Verkaufen, sondern auch durch das Verlegen von Büchern im eigenen Verlag und der damit verbundenen Förderung vor allem junger, noch unbekannter Autoren. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang unbedingt Hinkes Bezug zum großen Leipziger Verleger Kurt Wolff wie auch zur Leipziger Tradition der bibliophilen Ausgaben. Wie es neben einer solchen Arbeit außerdem noch gelingen kann, hochinteressante Lesungen zu organisieren, sich zu brenzligen Fragen unserer Gegenwart auf mutige Art politisch zu positionieren und überdies städtische Präsenz bei unzähligen literarischen Zirkeln und Institutionen zu zeigen, ist eines der Wunder der Buchwelt – anzumerken ist nebenbei, dass die Zahl der während der Leipziger Buchmessen von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung betreuten Autoren in die Hunderte geht, die Zahl der Gäste beim jährlich stattfindenden, hofeigenen Bücherfest gar in die Tausende. Dass wegen einer zu erwartenden Straßenschlacht anlässlich einer Legida-Demonstration der Laden gelegentlich auch schon mal früher zumachen muss als gewöhnlich, zeigt die Brisanz des Standorts. Wir sind froh, dass es, sozusagen im Auge des Orkans, diese klug machende, schöne Buchhandlung gibt.

Und damit kommen wir zu einer weiteren bereits im letzten Jahr gekürten Buchhandlung, und Sie wissen, es ist manchmal schwer, die Kategorien auseinanderzudividieren, hervorragend ist ganz hervorragend, herausragend, ja besonders herausragend ist noch erfreulicher – und um solch einen erfreulichen Fall handelt es sich auch hier: bei der Buchhandlung Mahr. Langenau mit seinen 15.000 Einwohnern liegt, ja, gut, in der Nähe von Ulm, aber erstaunlich bleibt es doch, dass in den letzten gut 30 Jahren den Weg dorthin Hertha Müller und Rafik Schami ebenso wie W.G. Sebald, Claudio Magris, Michael Krüger, Uwe Timm, Adolf Muschg und viele, viele andere bedeutende Schriftsteller gefunden haben. Was uns in der Jury besonders beeindruckt hat, ist der weite Blick, den das Ehepaar Mahr auf den literarischen Kosmos wirft: Da gibt es zum Beispiel eine durch das Inhaberehepaar gestartete Initiative, die unter dem Titel »Erzähl mir von früher« ältere Menschen dazu angeregt hat, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – oder aber auch eine Reihe von Abenden, die sich modernen und älteren Klassikern widmet, es gibt Buchvorstellungen mit Verkauf auf Zuruf, anonym vergebene Büchergutscheine für Kinder von Hartz IV-Empfängern und neben den bereits eingangs erwähnten hochkarätigen Lesungen gibt es vor allen Dingen eines: eine literarische Betreuung der Literatur durch Thomas Mahr, die ihresgleichen sucht, eigene Texte – von einer 6-seitigen Einführung zum Buchmessen-Gastland Indonesien bis hin zu Texten über Feminismus, Armenien, städtischer Kulturpolitik, den Donauschwaben, fiktiven Dialogen z. B. zwischen Piazolla und Borges usw. usw. – allesamt originell, anregend, lesenswert. Kurz: ich bin froh, dass ich das kiloschwere Manuskript dieser Bewerbung endlich aus meiner Tasche auspacken und – zum Preis gratulieren darf.

Last but not least kommen wir zu einer Buchhandlung, die in Köln wirklich jeder kennt, der Bücher liebt: die Buchhandlung Bittner – Lebenswerk ihres Gründers Klaus Bittner. Ganz abgesehen davon, dass auch Klaus Bittner, ähnlich wie Peter Hinke von der Connewitzer neben der Buchhandlung einen eigenen Verlag führt, ist er jemand, der mit philosophischem Tiefblick und großer Liebe zur Literatur in seiner Buchhandlung einen ganz persönlichen Raum zum Gespräch und gemeinsamen Nachdenken auf hohem Niveau eröffnet. Neben den von ihm veranstalteten zahlreichen Lesungen, die über die »reine« Literatur hinaus auch Anregungen zu politischen und historischen Themen geben, engagiert er sich in Kooperation mit mehreren anderen anspruchsvollen Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz für eine Kultur des Bücherverkaufens, die von Kenntnis und Leidenschaft der Inhaber geprägt ist, dieser Zusammenschluss namens 5plus editiert selbst ein halbjährlich erscheinendes Magazin und sogar eigene Buchausgaben. Überdies ist Klaus Bittner mit verschiedenen literarischen Institutionen, mit Archiven und Universitäten, aber auch mit Schulen eng verbunden, bildet Nachwuchs für den Buchhandel aus, ist Mitbegründer des Kölner Literaturhauses und des Poesiefestivals »Atlas der neuen Poesie«. Kein Zufall also auch, dass er der Lyrik, der reinsten und strengsten Form der Literatur, deren Wert sich nicht nach Verkaufszahlen bemisst, in den Regalen seiner Buchhandlung einen würdigen Platz einräumt. Wir freuen uns, dass Klaus Bittner sich in diesem Jahr zum ersten Mal um den Buchhandlungspreis beworben und uns so Gelegenheit gegeben hat, seine Verdienste um Literatur und Leser angemessen zu würdigen.

Damit nun bin ich mit meinem Lobpreis der »Besonders herausragenden Buchhandlungen« für dieses Jahr leider schon am Ende. Es war für mich, seit jeher Liebhaberin dieser Art von Buchhandlungen, in denen man für halbe und ganze Stunden verlorengehen kann – und verlorengehen will! –, es war für mich wirklich herzerfrischend zu sehen, wie viele verschiedene, originäre Wege es gibt, Bücher und Menschen zusammenzubringen. Und nun freue ich mich mit Ihnen auf das rauschende Fest.